Angedachtes von Pfarrer michael jäger

Kontaktverbot

19.05.2020

Trotz Kontaktverbot lernte ich sie kennen. Ich bin ihr zufällig online begegnet. Daniela Kahl, aus Berlin. Sie ist Personal-Trainerin. Eher nicht so die Personengruppe, mit der ich beruflich oder privat häufiger zu tun habe. Aber sie hat eben für meine deutsche Wochenzeitung, die mich seit 30 Jahren treu begleitet, ein Programm erarbeitet, das helfen soll, sich fit zu halten. Ein Filmchen. Bei anfänglich 200 Meter Radius ums Haus herum, sind mir selbst meine kleinen Sporteinheiten ohne Autoeinsatz nicht mehr möglich gewesen. Ich musste was tun, und sie schien helfen zu können. Die erste Sitzung war eine Katastrophe. Nicht nur, dass ich die vorgeturnten Übungen nicht annähernd elegant oder in Echtzeit vollziehen konnte, nein, die pure Anzahl etwa der Push-ups überforderte mich. Ich habe mir in vielen Jahren Bergleidenschaft eine Grundfitness antrainiert und die Fähigkeit, Wege und Orientierungspunkte zu finden. Aber die für Frau Kahls Übungen offenbar erforderlichen Muskeln ließen sich nirgendwo finden, geschweige denn ansteuern. Sie sind mir so unbekannt wie die englischen Namen für das, worum ich mich so schweißtreibend bemühte - Jumping Jacks, Squat-Kicks oder Burpees.


Mittlerweile ist viel Schnee in den Bergen abgeschmolzen und aus 200 Metern ums Haus erwuchs zunächst eine kaum zu fassende Verdoppelung auf 400 Meter, schließlich unbezifferbare Bewegungsfreiheit. Aber noch mehr hat sich zwischenzeitlich verändert. Ich kann Frau Kahl folgen und ohne das Drücken der Pausetaste alle Übungen in mindestens der gleichen Anzahl wie vorgegeben durchführen. Was war ich stolz, als mir das das erste Mal gelang.


Doch nun droht unserer unkomplizierten Fernbeziehung eine neue, existenzielle Gefahr. Wird ihr förmlich der Boden unter den Füßen entzogen, jetzt wo der Berg hinterm Haus und die Dolomiten schon wieder aufgemacht haben und sicher auch bald der Montiggler See nachziehen wird? Fitness auch wieder anders geht? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass mir eine Berliner Personal-Trainerin und ein Stehpult geholfen haben, dass ich trotz Corona nicht auch noch Rücken habe. Wen haben Sie in den Wochen des Lockdown kennen lernen dürfen? Like. Höchste Zeit für ein Dankeschön.

Vertrauensfrage

29.04.2020

Mögen wir stets so viel Toilettenpapier im Vorratsschrank haben, wie es unserem Sicherheitsbedürfnis entspricht. Ja, das unscheinbare Toilettenpapier wurde für einige Tage zum blassen Gesicht der Corona-Krise. Das Phänomen ist bemerkenswert. Der Run nicht zum Toilettenhäuschen, sondern zum Toilettenpapier. Die Gegenbewegung folgte sofort und es kamen postwendend die entsprechenden Spaßfotos ins Netz. Herrlich. Statt einer Klopapierrolle eine Papierschlange, wie man sie vom Fasching her kennt, bunt, aber leicht verloren auf dem dafür dann doch zu großen Bügel.



Das Phänomen Hamsterkäufe. Menschen befürchten Mangel, bevorraten sich entsprechend und erzeugen damit selbst die leeren Regale, vor denen sie Angst haben. Höchst ansteckend, denn so machen sie auch andere nervös, das begehrte kostbare Gut nun ebenfalls rasch in Sicherheit bringen zu müssen und drehen so selbst munter an der Spirale nach unten. Self-fulfilling prophecy. An deren Anfang steht aber ein ganz anderer Mangel. Der Mangel an Vertrauen, dass ich in einer Notlage nicht alleine gelassen werde.



Dabei möchte die überwiegende Zahl der Menschen in einer Gesellschaft leben, in der das „Wir-Gefühl“ stark ausgeprägt ist. Soziologen haben es erforscht und 90% ermittelt, denen ein solidarisches Gemeinwesen wichtig ist. Die Gegenfrage allerdings, ob man dieses Wir-Gefühl denn auch bei anderen wahrnehme, haben nur 30-40% positiv beantwortet. Und in genau dieser Lücke verschwand nun das Toilettenpapier.



Die Corona-Krise hat uns also einmal mehr die Vertrauensfrage gestellt. Um einen Impfstoff oder ein Heilmittel gegen den Virus müssen sich Fachleute kümmern. Aber die Antwort auf die Frage, wie verlässlich wir einander sind, womit man bei uns rechnen kann, oder auch nicht – die können nur wir selbst geben. Ich freue mich über jeden Menschen, der mir heute hilft, Vertrauen zu hamstern, und dem ich wiederum dabei behilflich sein kann. Vielleicht bekommen wir es ja gemeinsam hin und können den Lohn unserer Anstrengungen in der nächsten Krise in stets prächtig gefüllten Toilettenpapier-Türmen ausgezahlt bekommen.

Müde Windwärts

01.04.2020

Immer wieder kommt sie ganz nah ran. Und dann reißt es einen. Oder sie reißt einem gleich das Gemüt mit. Die Welle, darin die unglaubliche Schlagkraft des Virus. Es genügt ein falscher Klick bei eigentlich zu entspannender digitaler Lektüre zwischendurch und plötzlich begleitet man in Bergamo ein Sanitätsteam auf einer Albtraum-Schicht. Förmlich mit dabei in den Wohnzimmern einer weltberühmt gewordenen Stadt, in denen Rettungskräfte im Akkord entscheiden müssen wie sie zu retten versuchen wollen oder es gar nicht mehr erst angehen sollen. Rettungskräfte ohne Gewähr. Es bleiben wahlweise Patienten oder Angehörige zurück und wer weiß schon, für wen was besser oder schwerer ist. Verloren wird sowieso und dazu zum Abschied gewunken.



Szenenwechsel. Der gleiche soziale Kanal, nur einen Hauch tiefer, und schon schaue ich zur Abwechslung Kollegen im In- und Ausland zu, wie sie Interviews geben und Geistliches von sich, Formate ausprobieren und Techniken, wie sie nachdenken, Gemeindegliedern einen Halt und Ostern einen Rahmen zu geben. Leere Kirchen werden zu Kulissen umgewidmet und dabei fast ein bisschen zweckentfremdet.



Es wollen sich beide Szenen einfach nicht richtig zusammen fügen, sie spreizen sich unverdrossen gegeneinander, zumindest in mir. Retter in Schutzanzügen und engen Fahrzeugen auf schneller Fahrt und Pfarrer mit gemächlichen Gewändern und ähnlichem Wortduktus inmitten der unheimlichen Stille leergefegter Kirchen. Sollten wir nicht öfter schweigen? Hilflosigkeit zweifelnd aushalten, weniger erhaben als gewohnt, Demut leben, den andern draußen die Daumen drücken, oder gleich die ganzen Hände falten? Und der Kirche fern bleiben, weil Gott längst woanders ist? Dort, wo um Leben gekämpft wird oder im Tod die Hand fehlt. Der mitleidende Gott, auch von mir geschult oft mit unverschuldet leichter Zunge ausgerufen, jetzt eben wirklich in Bergamo, auf Lesbos und wo sonst noch. Außer Haus sozusagen. Dort! Ganz dort.



Hier in der Pfarrwohnung. Selten so viel gesessen und dabei unruhig hin und her gerannt. Whatsapp hier und Email dort, zur Abwechslung die neue Website bis, ja bis ein Anruf unterbricht, oder die Familie oder Freunde. An den Inhalten einer Rundmail formulieren, sich in Zoom-Konferenzen einwählen, um dann Pastor Valentino die Bühne zu bereiten. Dabei, wie sollte man das auch in Frage stellen, Hoffnung geben, Mutmachen und doch authentisch bleiben. Ehrlich?! Was bliebe denn, wenn nicht einmal mehr das?



Ich sehe Elia vor mir. Wie er am Boden liegt. Er ist gerannt, im ganz schlichten Wortsinn und vor seinen Verfolgern weg. Noch eben einen großen Triumph erlebt, es den feueruntauglichen Priestern der heidnischen Götter gezeigt. Jetzt lebensmüde. Heimatlos und ohne Perspektive – wie soll man so auch leben wollen? (Wie doch, das könnten am ehesten die vielen Geflohenen unserer Tage kundig beantworten.) Da, im Schlaf, im Antlitz des Todes, siehe da, genau da die Hand Gottes. Sie reicht die Lebensmittel. Ihr folgt das Wort, und alles miteinander setzt in Bewegung. Und dann geschieht dem wieder auf die Beine gehobenen noch eine fast unmittelbare Gottesbegegnung. Wenn das nicht Auferstehung ist? Das Mittel ist hauch-dünn. Ein leiser Wind, darin Gott.



Also doch da. Auch da. Bei den Erschöpften und Dünnhäutigen. Fast wollte ich in die Kirche gehen, diesem Gott eine Kerze zu entzünden.

Leben und arbeiten unterm Brennglas

20.03.2020

Nicht nur unsere Haare stehen in diesen Tagen unter besonderer Beobachtung. Welche Haarfarbe schiebt sich wie weit schon ans Licht oder wie viele Tage noch, bis sich endgültig keine sinnvolle Ordnung mehr in die ungewollte Pracht eintragen lässt? Doch noch ganz anderes Lebens verliert gerade seine gewohnte Form. Hervorgerufen nicht zuletzt durch eine staatlich angeordnete Häuslichkeit. Das wenn mir vor ein paar Monaten einer gesagt hätte … Der gewohnte Rhythmus kommt abhanden und mit ihm auch meine Inseln samt kunstvoll gewobener Fluchtwege. Ob nun Termine und Treffen, oder Berge und Bühnen, alles ist ins Gestern abgeschoben. Da verordnet mir das Virus fast wie über Nacht ein Leben in einem einzigen Raum, noch dazu ohne Ecken, nicht einmal den schön dunklen. Darüber gestülpt ein Brennglas. Es vergrößert das sonst Flüchtige. Jetzt können wir uns und einander kennen lernen, und wie, da sind 2 Wochen Kloster auf Zeit oder Urlaub in einem Zelt vermutlich nichts dagegen. Wen wunderts, wenn man sich angesichts dessen erzählt, dass in China nun Ehen vermehrt geschieden werden wollen oder gemutmaßt wird, dass sich gerade entscheidet, wer die nächsten Wahlen gewinnt, oder neuer Bundeskanzler wird.



Ich merke es auch an mir selbst. Mein Blick verweilt jetzt länger. Wird nicht rasch wieder fortgezogen und mit neuem gefüttert. Oberflächliches Drüberschauen scheitert an einer Oberfläche, die nicht widerständig genug ist, den Blick weiter zu reichen, vielmehr ungefragt tiefere Einblicke aufnötigt. Das zeitsparende Querlesen des Lebens verliert sich in der langen Zeit, für die nicht genug quer liegt. So dreht etwa ein Bild aus dem Bozner Dom munter seine Kurven in mir und die Nadel will die Rille einfach nicht für das nächste freigeben. Ein Bischof, ein paar wenige andere Kleriker in textiler Vollausstattung und vorbildhaftem Abstand. Sie lesen eine Messe, mit niemandem außer sich selbst. Unweigerlich frage ich mich, ist dafür nicht der Raum zu groß? Und braucht es jetzt eine hierarchisch durchkalkulierte Kleidung? Klar, es wird ja übertragen, es ist alles wie immer, nur sitzen die Menschen nicht in Kirchenbänken, sondern vor Bildschirmen, wenn auch vermutlich nicht in Sonntagskleidern. Diese Fragen zeigen aber nun weder ein konfessionell bedingtes Irritiert-sein, noch lässt die sich in ihnen spiegelnde Beurteilungs-Unsicherheit nur außerhalb von mir nachweisen. Ähnliches gibt es auch in grün, bzw. im Lila unserer eigenen evangelischen Kirche und freilich auch in mir. Leere Kirchenräume und unerschrocken darinnen deren geistliche Hausherren. Was machen sie da? Was mache ich heute nicht und morgen vielleicht schon? Es ist so vieles offen. Die technischen Hilfsmittel haben wir mittlerweile schon bestellt und dann werden es auch vielleicht mir Handystativ und Headset sein, die mich in die leere Kirche begleiten. Und schon steht ein Pfarrer in der Kirche. Mit Talar? Aber muss ich, alleine im Kirchenschiff, irgendwem außerhalb der Mauern zeigen, dass ich hier der diensthabende Pfarrer bin, mit allen Rechten und Pflichten ausgestattet? Solange die Bestellung noch nicht angekommen ist, kann ich ja meinem Bauchgefühl zur Beurteilung noch ein wenig Zeit lassen.



Routinen griffen in anderen Zeiten. Unterm Brennglas der Krise auch Amt, Auftrag und Person. Wir werden alle als Menschen gerade erkennbarer, weil gewohnte Rollen und Handlungsmuster plötzlich nicht mehr umfänglich zur Verfügung stehen bzw. nur ins Leere greifen würden. So hat etwa der Staatspräsident die üblichen Bühnen und Hinterzimmer verlassen und sich direkt an das italienische Volk gewandt. Er hat mich dabei ungeahnt berührt, ich fühlte mich getragen, fast schon erhoben. Ein Glück, wenn einer so zu seiner Aufgabe und diesen Worten findet, ohne sich selbst gleich als Deichgraf inszenieren zu müssen. Und wir Hirten, deren Schafe gerade im Stall eingesperrt auf bessere Tage warten, oder denen diese von Tag zu Tag weniger selbstverständlich werden? Trotzdem in voller Rüstung auf der Weide stehen? Ersatzweise medial an die Hecken und Zäune springen? So oder so werden wir in diesen Zeiten nicht mehr dabei haben können als Bibelworte, Nachdenken, Sorgen, Erfahrungen und wenige handfeste Angebote, dazu Glaube, mit reichlich Unglauben vermengt. Die Mischung wird einem täglich frisch zusammen gestellt. Das muss uns genügen. Wir probieren gerade viel aus und erfahren uns selbst neu, genau wie die uns Anvertrauten. Wie schön es doch ist, in einer Kirche und Gemeinde zum Pfarrer beauftragt zu sein, in der man das alles und so auch sein darf.

Im Angesicht sein

15.03.2020

Ich hätte es nie geglaubt, wie sehr mir die fehlen, deren Namen ich nicht einmal kenne. Die mit vertrautestem Namen habe ich Gott sei Dank auch jetzt noch ganz nah um mich. Noch näher als sonst. Mit ihnen habe ich mich verbunden und es ist das Größte, das ich in meinem Leben je getan haben werde. Aber mir gehen irgendwie gerade die Menschen ab, die mir alltäglich beiläufig und ohne es zu merken offenbar das i-Tüpfelchen waren. 

Es wäre ja außer ihnen vieles noch da. Der Rosengarten steht nach wie vor wie eine eins und lässt sich weiterhin gekonnt abendlich in Rot beleuchten. Die Vögel singen, die Sträucher blühen, die Straßen orientieren und die Häuser erzählen unverändert ihre Geschichten. Aber die Freude will mir nicht aufkommen, gehe meine wenigen Wege wie in Sonnenfinsternis. Kaum einer anderer Gesell zu sehen, und wenn doch, dann ist es nur ein Huschen. Als ob es verboten wäre, auch das verboten wäre, einander anzusehen, sich aneinander zu erfreuen. Mehrheitlich wird jetzt die Maske getragen. Aber auch wir ohne lächeln kaum und schon gar nicht an. Respektvoll achten wir auf den einen Meter, mindestens. Zeigen das auch unsicher. Auf dem Boden ohnehin markiert und nicht einmal an diese Grenze trauen wir uns vor. Wie sich abstoßende Magneten schieben wir den Einkaufswagen durch den halbleeren Supermarkt, das letzte soziale Lagerfeuer, das nun aber auch nicht mehr zu wärmen vermag. 

Die, die verlässlich für jeden Spaß zu haben waren, achten jetzt nervös auf die Einhaltung von Regeln. Werden laut. Die Angst hat sich auf den Verteiler des Virus setzen lassen, wächst mit im Gleichschritt und ersetzt das gewohnte Spiel der Straßen und Plätze. Mit vollen Einkaufstaschen komme ich zurück, ein kleines Wunder jedes Mal, ich muss fast staunen, und wollte mir doch trotz verlässlicher Regale kein Sinnenfest werden. Eher verstört, wie damals als Kind im Wald, das zu viel Gebrüder Grimm gelesen hat. Gespenstisch gestimmt, ziehe ich die Wohnungstür hinter mir zu. Das soll es mal wieder gewesen sein? 

 Gott hat den Menschen als Mann und Frau geschaffen. Damit fängt die Bibel an. Ich kann mir wenig schöneres vorstellen und darf es in Traugesprächen und vollen Hochzeitskirchen stolz hinaus schallen. Das trägt. Sich ergänzen dürfen. Und jetzt fegt dieses Virus die von den Straßen, Parks, Bars, Geschäften und was sonst noch alles unseres ist, die mich offensichtlich auch alle erst noch ergänzen müssen. Mensch sein, eine der höchsten Auszeichnungen, die unsere Sprache vergibt. Und unter Menschen sein, bringt erst in Form. Wir sind gerade nicht mehr richtig im Element. Io resto a casa. Entzogen der kurzen Blicke, meist völlig ausreichend, der ausgetauschten Belanglosigkeiten. Kaum noch Begrüßungen und seien sie formelhaft. Hände drücken können und Mimik deuten dürfen. Zur Not auch ein überflüssiger Streit, ja auch der. All das, und natürlich die Schönheit der Bewegung und das Spiel der Kinder, das sich im Augenspiel ihrer Großeltern immer noch finden lässt. Gelernt ist gelernt. Ich erinnere mich jetzt daran, vor einem Bildschirm, dem treuen Gefährten dieser Tage.

Ach, wie fällt uns jetzt das Anfangswort der Bibel tonnenschwer vor die Füße. Man müsste es mit leichter Feder ausschmücken dürfen und dabei alle Beschränkungen fallen lassen. Beschreiben das volle opulente Werk des Herrn. Jetzt im Entbehren ist die viele Zeit reif geworden für das Erkennen dessen, was Gott da eigentlich aus einer unserer Rippen gemacht hat. Einmal angefangen, würden wir bis weit über die Offenbarung des Johannes hinaus schreiben können. Und siehe, der Mitmensch, der andere, auch der ohne Namen, das beliebige Du, die Zufallsbegegnung war sehr gut, sehr, sehr gut. Für sie, für ihn heute noch den Hymnus anstimmen, und sei es in einer leeren Kirche. Vielleicht auch nur der eine Satz aus Psalm 104, wehmütig erinnert und sehnsüchtig erhofft.

Gott, du hast sie alle weise geordnet und die Welt ist voll deiner Güter.

Corona klage 

12.03.2020

Nein, mir geht manches jetzt einfach viel zu schnell. Einen Sinn in dieser Pandemie erkennen, die über Nacht vor die Füße gekippte Zeit als Geschenk ansehen, das ja Ausweichen-können auf soziale Netzwerke … Es klebt einfach noch zu sehr an mir dran, was gerade massenweise verloren geht, vieles davon unwiederbringlich. Uns selbst als Familie geht es soweit gut. Wir können nicht klagen. Sind gesund, haben einander, genug zu essen und eine Wohnung mit ausreichend Ecken für geordneten Rückzug. 

Aber schon eine Etage unter uns. Menschen weit im Risiko-Alter, verunsichert und lebensbedroht – und die eigenen Kinder und Enkel, Nichten und Neffen und alle andern, die dagegen in den Arm nehmen wollten, müssen sich fernhalten. Noch eine Etage weiter tiefer. Ein Notschlafquartier für eine junge Frau, die niemand mehr aufnehmen darf, außer der Straße natürlich, die dürfte schon. Eine Küche, in der sich mittlerweile 6 Menschen unterschiedlichster Nationalität den Herd teilen und ein wenig Gesellschaft. 

Am andern Ende des Gangs das Zimmer des Pfarrers. Aber es nimmt außer mir fast niemand mehr Platz. Nun ist auch noch die Sekretärin bis auf Abruf ins homeoffice. Telefonieren hingegen geht gut, Mails, whatsapp auch. So lässt sich Ratlosigkeit austauschen. Kann die Hochzeit im Mai stattfinden? Viele wären es gewesen. Alles gut getaktet, organisiert und vorbesprochen. Eines dieser Paare hat mich unmittelbar nach meinem Dienstantritt in Bozen um den Termin gebeten, schon im September 2017! Und jetzt, nach fast 3 Jahren Vorfreude? Trotz aller Tragik fast schon ein Luxusproblem im Vergleich zu denen, die in den Spitälern mit oder für das Leben kämpfen und sich dabei beherzt überfordern.


Erstaunlich, dass es doch immer nur diese unattraktive, langweilige Disziplin ist, die es mal wieder richten soll. Großes schaffen, wie etwa eine ganze Nation retten. Diszipliniert zu Hause bleiben. Es ist arg wenig geworden, das noch Sinn und Bestätigung vermittelt. Da brauche ich zusätzlich fast schon die Menschen, denen ich die Kirchentür zum Schlafplatz öffnen kann, genau so, wie sie meine Schlüsselgewalt, oder Dienste. Ich kann was tun! Ich kann Matratzen schleppen, eine Dusche anstellen, Wasser für einen heißen Tee kochen lassen und in dankbare Gesichter schauen, dass es einen reißen könnte.


So, eigentlich genug für jetzt. Das meiste ist rausgekommen. Nur dass ich noch nicht auf Gott verweisen konnte, nicht einmal auf das Gebet oder einen Bibelvers, die sonst spätestens jetzt ins Spiel kommen sollten. Es ginge mir zu schnell. Ich fürchte, all das Beklagte könnte durch ein Mut machendes Bibelwort oder sonst was nur erstickt werden. Oder Choräle singen in der leeren Kirche? Na, ich weiß nicht. Kommt mir einfach nicht in den Sinn. Mir fällt nur das um den Hals gehängte Kreuz unseres jüngsten Kirchenvorraum-Schläfers auf. Etwa 30 Jahre alt, wie auch der Herr selbst, seinerzeit. Der leidende Gottessohn um einen Mann aus dem Iran gebunden. Oder besser: mit ihm verbunden?

Ich ertappe mich dabei, wie ich bei ihm immer wieder dort hin schaue, während ich ihm etwa an der Rückseite des Altars unserer Christuskirche die Steckdose zeige.


Das könnte sie auch interessieren

Rai-Andachten

Ökumene