Gedankenpfade

Ausgewiesen von

- Annett Weissenburger, im Atemhaus, 07.05.2020 

- Ingo Stermann, Fides Coronaria, 25.04.2020

- Eva Kaufmann, gutenachricht.online, 17.04.2020

07.05.2020

Im Atemhaus

Die Andacht, die Annett Weissenburger in der letzten Kirchenvorstandssitzung vom 7. Mai gehalten hat, hat uns bereichert und soll deshalb auch allen anderen hiermit zugänglich gemacht werden ...


im Atemhaus

 Das Gesicht hinter einem Stückchen Stoff

 oder Flies halb verborgen

 Atem holen

 Das Ding- nach Anleitung selbst genäht – rutscht

 die Brille beschlägt

 In der Schlange wartend

 schaue ich mir die anderen mit ihren

 selbstgebastelten sogar gehäkelten Modellen an

 Und doch bin ich froh

 wenn ich das Ding bald wieder runter ziehen kann

 Ahhh Luft

 Atemnot- Atemmaske-

 Beatmung- Beatmungsgerät

 Worte die nach Beengtheit klingen

 nach Angst es könnte knapp werden

 Angst auch vor dem Tod

 Wie schön ein Gedicht zu finden, das so befreiend klingt wie folgendes. 

 Geschrieben von der Lyrikerin Rose Ausländer.

 Im Atemhaus (1981)

 Unsichtbare Brücken spannen

 von dir zu Menschen und Dingen

 von der Luft zu deinem Atem

 Mit Blumen sprechen

 wie mit Menschen

 die du liebst

 Im Atemhaus wohnen

 eine Menschenblumenzeit

25.04.2020

Fides coronaria

Der Titel weist zweifelsfrei auf Ingo Stermann hin, Psychiater und ehemaliger Vizekurator unserer Gemeinde, der gewohnt mit spitzer Feder und großem Gedankenfundus um die (biblische) Ecke denkt ...


FIDES CORONARIA

  Die COVID-19-Pandemie ist nicht die erste und nicht die schlimmste Pandemie: 

  •  Die erste Pest-Epidemie war tödlicher und zumindest für unseren Kontinent auszehrender,
  •  die spanische Grippe geißelte die schon ausgepumpte europäische Bevölkerung schlimmer, 
  •  die Grippe-Epidemien, die die Europäer nach Südamerika trugen, rafften die dortige indigene Bevölkerung hin, 
  •  die Masern-Epidemien in Afrika löschen die jüngsten Generationen und die ihrer Eltern aus.

 Und die Behelfe, di wir hier und heute schon haben, die Ressourcen, die wir zuziehen und nutzen können, die Erkenntnisse und Erfindungen, die wir gewinnen werden und nutzen können, sind sicher jetzt schon weitergehend als alles, was die vor uns Betroffenen aufbieten konnten, als greifbaren Trost erhielten und als konkrete Hoffnung ins Auge fassen konnten. Wir haben sicher Anlaß zu klagen, aber nicht, daß es uns schlimmer erwischt als andere Menschen und Völker an anderen Orten und zu anderen Zeiten.
 Aber schauen wir ein bißchen genauer hin, was uns (wie Anderen zuvor) geschieht und zu schaffen macht: Die Pandemie zwingt uns zu einem inhumanen Verhalten, nämlich zum Verzicht auf den mitmenschlichen Kontakt im Nahbereich des Sehens, Fühlens, Greifens. In der Allgegenwart der elektronischen Kommunikations- und Beschaffungstechnologien, die uns jetzt soviel helfen, machen sie uns doch auf paradoxe Weise BEGREIFLICH, was ihnen fehlt, was sie nicht leisten, worin sie dem unmittelbar mitmenschlichen Sein und Umgang nicht das Wasser reichen können.
 Spürbar wird auch, was die Globalisierung des Kommerzes, der Arbeitsorganisation, der individuellen Freizeitgestaltung und der dafür aufzubietenden Logistik bei allen unabweisbaren Vorteilen auch an Schwachstellen, an komplizierten und leicht störbaren Rahmenbedingungen aufweist, so daß man sie nicht verabsolutieren darf: Auch Kommerz, Touristik, Individuation in planetarer Freizügigkeit brau-chen als Gegengewicht das menschliche Maß des Handschlag, des Miteinander-Umgehens, des Zu-Fuß-Erreichbaren. .
 Erkennbar wird auch einmal wieder, 

  •  wie nicht die großen Bedrohungen und Sünden allein: von Kometeneinschlägen über Vulkanausbrüche bis hin zu menschenverbrochenen Umweltverände-rungen oder Kriegen, 
  •  sondern im Gegenteil kleinste und älteste Lebensformen unsere biologische Existenz im Kern und auf dem gesamten Erdball gleichermaßen elementar wie total aus dem Gleichgewicht bringen können, 
  •  und zwar nicht nur in unseren einzelnen Lebensweisen sondern als Species, als Menschheit.

 Das alles betrifft -und auch das ist uns nicht mehr selbstverständlich- unsere spirituelle Existenz, und zwar genau da, wo es um UNSER Glauben geht: Wieviel ist das kollektive Glauben wert, wenn wir uns nicht treffen und begegnen können, wenn Ostern „ausfällt“ wegen Kontaktsperre: drei Jünger auf dem Weg nach …? Nicht zu denken auf Bozens Straßen. 
 Was bleibt von den Kirchen als Gebäuden, als Gemeinden, als Religionen übrig? Ein Papst im Regen. Wie geht konfessionelles Glauben in Covid-Zeiten? In Zeiten einer coronarischen Verkettung der Schicksale und erstickenden Vereinzelung der Gläubigen. Was sich andeutet: ein Gefühl des Mangels, vielleicht so etwas wie ein Bedürfnis. Gar eine Sehnsucht?
 Und wie lesen wir die Bibel? Wer hätte das gedacht, daß wir in unserer seßhaft und steingewordenen laienhaften wie professionellen Gläubigkeit so heraus-, besser: hineingefordert werden in den Kern dessen, was wir für Glauben hielten: 

  •  engstes Beieinander um ein Kind in einem Stall, 
  •  festliches Treffen im Tempel, 
  •  händische Taufe im Jordan, 
  •  Beerdigung und Wiedererweckung von Totgeglaubten im Kreis der Hinterbliebenen, 
  •  Bergpredigt mit tausenden versammelten Menschen, 
  •  jede Menge Jünger in einem Boot, 
  •  das letzte Abendmahl von zwölf Menschen und einem Menschensohn an einem Tisch, 
  •  Massenauflauf unter einem Kreuz, 
  •  Pfingstwunder der kollektiven Erleuchtung.

 Wie mutet uns das an in Zeiten der vernünftigen, lebenerhaltenden Isolation? Auf welche Bilder, Gleichnisse, heiligmäßige Ikonen hin orientiert sich unser sinn-fälliges(sic!) Glauben?
 Und im Gegenteil: Wie geht’s uns mit den am schwersten einfühlbaren Einsamkeitsszenen: 

  •  der flüchtige vogelfreie Kain, 
  •  einsame nächtliche Träumer von Jakob bis Josef, 
  •  Moses vor dem brennenden Dornbusch, auf dem Berg Sinai, 
  •  Jesus in der Wüste, 
  •  „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“, 
  •  die Einsamkeit des Judas im Selbstmord, 
  •  „Hier steh ich , ich kann nicht anders“, 
  •  Bonhoeffer in der Todeszelle, 
  •  mein oder dein Abscheiden und dem Tod entgegengleiten. 

 Mitten im 21. Jahrhundert wird aus dem Quasi-Nichts einer in Nanometern meßbaren viralen Gegebenheit für jeden Menschen wieder fühlbar, was unsere conditio humana ist, was wir auch mit unserem Bruder Covid teilen: Geschöpf zu sein.
 Und dann tönt leise die Stimme von Selma Lagerlöf in das globale Gewisper der Twitter- und Whatsapp-Nachrichten und das schillernde Blendwerk der TV-Bilder hinein: Du kannst nicht tiefer fallen als in Gottes Hand. Wohl allen, die das wieder glauben lernen wollen.
 ***
 Warum suche ich überhaupt den Nächsten, die Gruppe, wenn es in mir mit Glaubensfragen, -zweifeln, -hoffnungen anhebt?
 Vielleicht, weil es mir meistens bei Situationen und Gedanken passiert, in denen es „ums Eingemachte“, „ums Ganze“, „zur Sache“ geht, und ich rechts und links nicht mehr ausstellen kann. Ohne freie Wahl. An die Wand gedrückt. Jetzt mach mal! Da bin ich bei mir, in mir, mit mir allein und kriege Angst.
 Ich kenne das mein Leben lang, vielleicht bin ich ja ein ängstlicher Typ. In Trennungssituationen oder im Streit konnte mir passieren, daß mir der Blutdruck in den Keller ging, mir im Bauch schlecht wurde und ich fast ohnmächtig wurde. Mein ältester Traum hat mit unmöglicher Flucht und sttadessen Unterwerfung zu tun.
 Aber Biographie ist nicht alles. Aufs Allgemeine, also das GEMEIN Menschliche bezogen, ist dieses Auf-sich-selber-zurückgeworfen-sein ist, das was uns die Bibel so sagenhaft umfassend, elementar und gewaltig vor Augen stellt: die Ausgangssituation von Adam und Eva nach der Apfelaffäre und dem Rausschmiß.
 Zu dem Zeitpunkt hatten die beiden sich wahrscheinlich nicht viel Freundliches zueinander zu sagen. Jede Seite für sich: du dein Blatt, ich mein Blatt vorgehalten, mit Glück Rücken an Rücken sitzend, eher wahrscheinlich aber Männerclo -Frauenclo. Das Kuschelige, Einverständige, Unschuldig Vertraute und unverbrochen Symbiotische des Gartens Eden ist -wie sagt man auf Neudeutsch: definitiv- weg.1 Von wegen: UNSER Vater, vielleicht erstmals: MEIN Gott! Mit ganz vielen Fragezeichen nach dem Ausrufezeichen.
Als psychologisch denkender Mensch ist diese überlieferte Situation für mich ein gültiges Bild für die komplementäre Art des Menschen zu sein, als Frau und als Mann in einer Welt, aber nicht selbstverständlich einvernehmlich sondern als Gegenüber mit allen denkbaren Entwicklungen, Be- und Vergegnungspotentialen, und genau deswegen als Grund für die Entfaltung des dritten Pols: der das Weibliche und Männliche übergreifenden umfassenden und kultivierenden Sozialgemeinschaft, in welchem „Wir“ möglich wird.
Aber das ist -wie gesagt- ein psychologisches Denken, allzu oft sogar ein psychopathologisches. Wie kommt das Spirituelle hinzu: Wie kommt es nach Unser Vater und mein Gott wieder vielleicht in einer spiraligen Aufwärtsentwicklung vorstellbaren Entfaltung von Unserem Glauben? 
Daran arbeite ich mich seit langem schon -meist unbewußt- ab, und hier hoffe ich, lehrt mich die Pandemie-Zeit etwas Neues und Weiterführendes -gerade weil es jetzt verstellt ist und real, sinnfällig, haptisch nicht geht. Kann es sein, daß mir etwas zu fehlen beginnt? Stehe ich in meiner ach so individuierten, wortreichen und abgesicherten Existenz vor einer Tür, die -wenn ich es wage sie zu öffnen- mir ein windiges namen- und orientierungsloses Nichts vorstellt, das mich umgibt und von dem ich keine Ahnung habe, bisher auch nicht haben wollte, obwohl es den ganzen Ort meines Ich umgibt und also mein Du ist, mein entfremdetes Du und Wir?
Auf einmal ists mir da bei mir, in mir, mit mir allein unheimlich:

  •  Da fühle ich mich -auf gefährliche Art BRÜDERLICH?- dem Kain nahe bei seiner Rückkehr vom Feld; 
  •  da beneide ich die junge, vielleicht noch minderjährige Maria nach ihrem völlig unerwarteten und vorstellbaren positiven Schwangerschaftsbefund, die alle Worte des Engels weiter in ihrem Herz bewegt und bewegend fühlt, eben weil der Befund von einem lebenden Wesen überbracht wird und nicht aus irgendeinem bunten Punkt auf einem plastifizierten biochemischen Teststreifen aufscheint; 
  •  Ich finde mich wieder an der Seite des jungen Reichen, nachdem er seine Nadelöhr-Aufgabe zugesprochen bekommen hat und -im Kern erkannt und seiner selbst gewahr werdend- erschrocken weggeht; 
  •  Ich falle hinein in die ganze Scham und Verzweiflung des Simon Petrus, nachdem er sein eigenes Leben vor dem Zugriff der Gesinnungspolizei mit der Verleugnung seiner tiefsten Sympathie und Hoffnung in Sicherheit gebracht hat;
  •  Ich spüre deutlich den Sog, der Judas zum Baum hinzieht, um aus der unerträglich sinnentleert gewordenen eigenen Existenz nur noch weg will, ein zernichtendes Ende jedem Weiterleben vorziehend. Ich verstehe ihn sehr gut und hoffe, hoffe, hoffe, daß Gott ihn aufgenommen hat. Vielleicht ist das sogar der tiefste und wichtigste Grund meines Glaubens.

 Mord, Abtreibung, Verrat und Selbstverleugnung, Fanatismus und Selbstmord sind Optionen unserer Freiheit, aber sie sind kein Weg zum Heil, kein Beispiel für die Kinder, die Freunde, die Gemeinschaft all derer, die in derselben existentiellen Beklommenheit, Angst und Versuchung leben, die Abkürzung zu nehmen und dem Projekt Schöpfung in seiner ursprünglichen Schönheit die „definitive“ Abfuhr zu erteilen: „Ich bin der Geist, der stets verneint.“ Genau. Gut gesprochen, Goethe!
 Aber wenn nicht so, wie denn dann, wie anders? Mein Pfarrer hört einfach nicht auf, freundlich mit mir zu sein.
 ***
Bruder Covid. Mein Bruder Covid. Mein Bruder Kain. Mein Bruder Judas. Mein Bruder Adolf. Meine Brüder -wie könnte ich unschuldig sein.
 Bonhoeffer hat mit dem Bild des Schicksalsrades, zwischen dessen Speichen sich zu werfen, nicht nur eine Option sondern eine persönlich empfundene Christenpflicht sein könne, ein Dilemma benannt, und sich in diesem Dilemma für einen Brudermord entschieden. Denn auch Adolf Hitler ist eine Kreatur, eine menschliche sogar, wurde von Bruder Sonne und Schwester Mond beschienen. Mit allem was er verbrochen hat, untersteht auch er im Letzten dem Urteil Gottes und wäre nach heutigem, in Deutschland, in Italien, in der Konstitution der EU verankerten Menschenrecht nicht der Todesstrafe zu unterwerfen.
 Die Banalität des Bösen, die Hanna Ahrend anläßlich des Eichmann-Prozesses in Israel nur beispielhaft skizziert hat, eignet -ich wage zu sagen: in unserer christlich-lutherischen Auffassung- allen Menschen, auch Bonhoeffer, jedem Diktator, jedem Menschen, mir und dir und uns als Gemeinde, als Gemeinschaft der Gläubigen, die erst nach dem Letzten Gericht eine Gemeinschaft der Heiligen werden kann: von Gott selber gereinigt, wenn wir an ihn glauben: Christi Blut -für uns vergossen. Das könnte für mich DER Grund des gemeinsamen Glaubens sein: die Gemeinschaft derer, die sich schuldig wissen und dazu bekennen, und deshalb auf Vergebung hoffen.
 Ich fürchte, mit dem, was ich hier Gedanke für Gedanke in mir erforsche und Satz für Satz aufschreibe, bewege ich mich hinaus, aus dem, was ich in meinem Leben als getaufter Christ gehört, gelernt, mir zurecht gelegt habe. Ich weiß nicht, wie weit der common sense der ELKI oder der EKD so etwas öffentlich mittragen und verkünden würde, und da bin ich dann wieder bei meinem individuellen Glauben angelangt. Diese Spange ist eine weit gespannte. Aber was ist nicht weit gespannt in Corona-Zeiten. Beinahe ist es eine Schicksalsironie, daß ein Virus so einen schönen, verbindlichen, schmuckvollen und heiligmäßen Namen trägt. Diese Corona ist eine Dornenkrone der modernen Art.
 Das Virus ist inkomplett. Um zu leben, besser: um zu überleben, eher als Art denn als einzelnes Wesen, braucht das Virus den Wirt. Es frißt ihn nicht eigentlich auf, es paart sich nur mit ihm. Daß der Wirt dann sterben kann, sozusagen an den Nebenwirkungen der Paarung, das weiß das Virus nicht. In dieser Hinsicht ist sein Tun unschuldig.
 Was das Virus Mensch mit dem Wirt Erde macht, geschieht dagegen mit ständig wachsendem Bewußtsein von den Folgen, und wir, ja wir fressen schon die Erde auf und haben seit langem aufgehört, uns mit ihr zu paaren. So betrachtet sind wir unvergleichlich viel böser als das Virus. Covid könnte sich also sehr wohl empört dagegen verwehren, von uns als Bruder tituliert zu werden. Bruder Kain, Bruder Judas, Bruder Adolf als Ansprechpartner passen wesentlich besser.
 Aber paßt UNS das? Und wenn nein, was werden wir von jetzt an tun? Wer die Pandemie körperlich-gesundheitlich überlebt hat, hat jetzt ihre wirtschaftlichen, politischen, ökologischen Folgen vor sich. Wir werden sehen, wie wenige von uns dann noch übrig bleiben werden.
 Viren der Covid-Art mutieren mit für Menschen unmöglicher Schnelligkeit, um zu überleben. Die Mutation, die uns überleben lassen kann, ist nicht biologischer Art, wir sind physisch-biologisch nicht so gebaut wie Viren. Unsere Mutationsmöglichkeit liegt wohl im spirituellen Bereich: Ich nehme an, wir müssen UNSER Glaubensbekenntnis neu buchstabieren lernen und wieder beginnen, nach unserem Schöpfer zu fragen und zu suchen. Alles was ich von ihm gehört habe, sagt: Er wollte uns, er will uns und will uns seit dem Regenbogentag immer wieder neu retten -freilich sola fide.
 ***
 „Sola fide“: Im Lateinischen handelt es sich grammatisch betrachtet um eine besondere Konstruktion, gewissermaßen eine Abkürzung, um etwas als ausschließlich zu kennzeichnen: „solus“ als Eigen-schaftswort bedeutet für sich genommen allein, einzig. In Verbindung mit einem Substantiv und in den Spezialfall der Lateiner: in den Ablativ, gesetzt, zeigt die Zwei-Wort-Kombination dann an, daß etwas nur so, einzig dadurch, ausschließlich mit Hilfe von diesem Ding, Gegenstand, Menschen, mit dieser Eigenschaft oder Bedingung funktioniert.
 „Sola fide“ bedeutet mithin „einzig und allein durch den Glauben“ … und bezeichnet in der Gesamt-heit von Luthers Anschauungen und Lehren einen Kern seiner theologischen Kritik am Ablaßwesen und an dem ihm zugrundeliegenden Glaubens- und Gnadenverständnis seiner zeitgenössischen Mutterkirche.2
Mit der Fokussierung auf den Glauben als Beitrag, „Leistung“, „Disponiertheit“ des einzelnen Menschen, um vor Gott Gnade zu finden, fußt Luther vor allem auf Paulus3 und über diesen rückwirkend auf die Diskussion des Gerechtwerdens im Alten Testament, ob durch die Befolgung des Gesetzes und durch die daraus abgeleiteten Werke, die gewissermaßen Gnade eintragen, der einzelne Mensch gerecht werden kann oder nicht? Schon in diesen alten Quellen (Galaterbrief) wird das aber entschieden bestritten und stattdessen auf den Glauben als „sicheren“ Weg verwiesen. 
Angesichts der menschen- und zeitübergreifenden Autorität, die DAS Gesetz in der mosaischen Religion und israelitischen Staatskultur besaß, ist dieser Zuspruch des Gerechtwerdens, des Heils und der Vergebung für die psychische Authentizität des einzelnen Menschen bemerkenswert: Der Bezug Gottes zu seinem Geschöpf und vice versa die Ansprache der einzelnen Kreatur an seinen Schöpfer ist an aller irdischen Sozietät vorbei und jedes dazwischenreden Dritter und fraglich berufener Instanzen in erster und letzter Linie unmittelbar, intim dialogisch (man denke an all die überlieferten Traumerlebnisse einzelner Menschen des AT), in heutigem Verständnis: individuell.
Sprung in Entstehungszeit und -ort der Reformation: Europa in der ersten Hälfte des 16. Jahr-hunderts: Mit in Jahrhunderten demagogischer Insistenz gewachsener geistiger und geistlicher Autorität und mit enormem, aus Drohungen, Angst, Scham- und Schuldgefühlen zusammengesetz-tem moralischen Druck hat sich die offizielle Kirche zwischen Volk/Laien/gewöhnlichen Menschen einerseits und Gott andererseits etabliert als von Christus selbst beauftragte und von Gott berufene Vermittlerinstanz zwischen den Menschen und Ihrem Herrn, und in den politischen Weltläufen beansprucht sie, moralische Instanz und Wegweiserin zu sein für den Umgang der Völker mitein-ander, über die Missionierung und Unterwerfung der Nicht Rechtgläubigen im Konkurrenzkampf der Religionen und über die freibeuterische Aneigung und Aufteilung der Schöpfung.
Im konkreten Alltagsleben wie in den politischen Weltläufen fungiert die Kirche auf allen gesellschaftlichen Ebenen als die Mautstation und Wegweiserin, die zu regeln und bemessen vermag, wie sündig jeder einzelne Mensch ist und auf welchem Weg, mit welcher Leistung, welchem Preis sie/er SEINE Gnade und Sünden-vergebung rück- und vorverdienen kann? Als Glaubensbeweis und Sühne in einem konnten und sollten die Aufbringungen der Gläubigen in die treuhänderische Obsorge der vermittelnden Kirchenleute übergehen; dafür erhielt der folgsame Gläubige -gern auch schriftlich- eine Bestätigung seines heilbringenden Glaubens und der bisher verdienten Begnadigungsgarantie. 
Es ist leicht, sich vorzustellen, wie Luther als Kind des aufstrebenden Mittelstandes, als juristisch vorgebildeter Mensch, als schon lebenserfahrener, weltläufig gewordener Mann und Bürger seiner Zeit, außerdem als gut ausgebildeter Theologe mit eigener intimer Kenntnis des Ordenslebens und persönlicher Kenntnis der römisch-kurialen Verhältnisse, also als ein nicht nur für seine Zeit hochindividuierter Mensch das Kirchengebaren seiner Zeit erlebt hat? Und es erscheint als geradezu unausweichlich logisch, daß er die Parallele zu den Herrschaftsverhältnissen alttestamentarischer und neutestamentarischer Zeiten gesehen und den kategorischen spirituellen Einspruch und Widerspruch der Propheten und des Paulus erkannt und sich zu eigen gemacht hat. 
Und als der im besten Sinne des Wortes dämonisch begnadete Sprachkünstler, der Luther wohl auch war, schmiedet er mit „sola fede“eine zugespitzte moderne Neuformulierung des vorbestehenden Appells: SOLA Fede: NUR durch den Glauben, durch den Glauben allein rettet sich das Menschenwesen zurück zu Gottes Gnade, in SEIN Heilsversprechen. Daß er gehofft hat, dennoch dadurch eine Kirchenspaltung und sozusagen eine Weltrevolution zu vermeiden, blieb eine Illusion und ist vielleicht nur eine „pia bugia“.
Ob Martin Luther damals den Nebensinn mitbedacht hat, den seine lateinische Überschrift bei der Übersetzung ins Deutsche entbirgt? Durch den Glauben allein. Durch den Glauben … allein. Der Mensch wird durch sein Glauben allein, frei von seiner indoktrinierenden Kirche, frei hin zu Gott, aber im existentiellen Leben auf Gedeih und Verderb auf sich allein gestellt im Bekennen und Leben dessen, woran sie/er glaubt und worauf ich im Leben und über den Lebensverlauf hinaus hoffe und vertraue. Glauben macht -aus psychologisch-diesseitiger Sicht- erst einmal und letztinstanzlich allein. Für mein Glauben: an wen, wofür, wie weitgehend, bin ich allein verantwortlich. Denn „Unser“ Glaube, unser Glauben als gemeinschaftlich unternommene Anstrengung und Aktion ist eine allzu trügerische weil allzu menschliche und diesseitig beeinflußte Hilfskonstruktion.
Nimmt man die anderen „solas“ hinzu, wird erkennbar, daß sich theologisch diese Einsamkeit wieder auflöst: sola scriptura, solus Christus, sola grazia,soli Deo gloria: Aus der diesseitigen Verlorenheit und Irrwegigkeit des einzelnen Menschen und der Menschheit als Ganzer wird der Blick eindeutig auf den Schöpfer und die spirituelle Bestimmung der Schöpfung ausgerichtet., Da wird ein Du ahnbar, ein Ursprung spürbar, und ein Vektor kommt in Sicht, in dem wieder alle einzelnen Wesen zusammenfinden können: die elementare Brüderlichkeit des Franziskus mit allem was geschaffen ist (auch mit Covid) ebenso wie die Brüderlichkeit auch mit den abwegigsten Menschen: mit Kain, Judas, Adolf Hitler und den menschenverachtenden Potentaten unserer Tage von Saddam Hussein bis zu den Wirtschaftskapitänen in ihren Börsenbüros und mit ihren Abholzmaschinerien.
Die Pandemie macht uns das deutlich: 

  •  Wenn wir erkennen, daß die Kirche mehr ist als ein kuscheliger und verantwortungsmildernder Gemeinschaftsplatz zum frommen Talk, weil wir sie gar nicht mehr betreten dürfen, finden wir uns „im stillen Kämmerlein“ wieder und merken, wir müssen wieder selber, bei mir selbst, das eigene Glauben entdecken und üben, 
  •  und wenn wir als Gerechte leben wollen, müssen wir uns mit allen Irrtums- und Vergegnungsmöglichkeiten auf die Mitmenschen dialogisch einlassen, inclusive der Bon-hoefferschen Option auf eigene, freigewählte Schuld. 

 In diesem Dilemma gibt es wohl nur eine Perspektive auf Heil: die einer -diesseitig bezogen- bedingungslosen spirituellen Orientierung. Wer nicht glauben lernen will, wird einfach sterben, mit nichts anderem „in der Hand“ als einer elektronisch deponierten Patientenverfügung. Ich habe -bei aller Mitarbeit bei „unserer“ Version- bisher nicht einmal das geschafft. Aber ich sitze und schreibe und denke an meinen guten Pfarrer. Vielleicht ist das meine Art, das Beten wieder zu lernen. Sola fide. Sola gratia.
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1 Für uns Heutige ist das überlieferte Bild zwar eindrucksvoll genug, aber es ist nur ein überliefertes Bild, nichtmal eine Erinnerung, für Städter kaum vorstellbar, vielleicht eine kindliche, bestenfalls eine archetypische Sehnsucht.
Das sagt über uns Heutige in unserer Gottesferne eigentlich alles: Der Mensch denkt, Gott lenkt, und dann gibt’s noch ein bißchen was nachzudefinieren. So macht sich das Geschöpf scheinbar zu eigen, was ihm geschieht oder was es sich unbedacht selber eingebrockt hat.
2 Theologisch und historisch sind es insgesamt fünf „solas“ die die reformatorischen Positionen des 16. Jahrhunderts gegen die offizielle Kirche markieren: Sola fide, sola scriptura, solus Christus, sola gratia, soli Deo gloria
3 Römer 3,28: „So halten wir nun dafür, daß der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.“

17.04.2020

Gute Nachricht online

Die Überschrift ist Programm. Eva Kaufmann und Martina de Rosi bieten auf ihrer neu geschaffenen website "gutenachricht.online" einen Raum des Nachdenkens und Wohlfühlens an, in dem sich buntes sammeln darf ...


 Liebe Freundin, lieber Freund!
 
 Der Frühling 2020 wollte sich im klimatisch milden Bozen südlich des Alpenhauptkamms gerade ankündigen, da hörte plötzlich das Pulsieren auf. Das Pulsieren der Stadt und das wuselnde Leben mit ihm. So plötzlich und dann auch  noch so unerwartet allumfassend. Das war erstmals heftig. Denn es betraf das ganze Land und bald auch alle Nachbarn.
 
 Ein Ereignis ohne Gleichen.
 Ende März hatte ich das dringende Bedürfnis etwas „zu tun“, zu bewegen, zu initiieren… da kam mir eine Idee: denn fasziniert davon, was sich gerade in meiner Umgebung alles mobilisierte, digitalisierte und solidarisierte, sich einerseits verlagerte, andererseits auftat und selbst erschuf, all das empfand ich als Bereicherung. Ich wollte sammeln, sortieren, 
 abwägen und zur Verfügung zu stellen; dies waren good news, daran bestand für mich kein Zweifel.
  Es gab da Inspirierendes, Konterkarierendes, Ergänzendes, Humorvolles, Sinnvolles und Philosophisches;   all das mit der persönlichen Note meines ganz individuellen Erlebens verbunden, so würde ich es im wahrsten Sinne des  Wortes animieren können.
 
 Schnell war mir klar, dass diese sinnstiftende Idee Beschäftigung und Potential für mehr als nur einen Menschen bereit hielt   und dass zwei Köpfe außerdem viel besser sind als einer und so kam es, dass ich im Austausch mit meiner lieben und  geschätzten Freundin Martina von Tag eins an, eine wertvolle Mitstreiterin gewinnen konnte, die gleich in Resonanz mit  mir ging. Es bedurfte nur weniger Worte und so setzten wir uns unmittelbar an die Verwirklichung - knappe 2 Stunden später stand das Design und am Reissbrett hingen unzählige unserer potentiellen „good news".
 
 Die Themen und Gedanken „umflügelten" uns… 2 intensive Wochen später sind wir endlich soweit und freuen uns,   denn wir sind ONLINE!

 www.gutenachricht.online
 
Heute möchten wir dich einladen Teil dessen zu werden was uns bewegt;   dich umzusehen, zu schmökern, zu lauschen, zu entdecken und zu lesen…
Vieles ist noch nicht 100 Prozent, aber wir wollten lieber online gehen, als in Perfektion dann viel zu spät. Schreibt uns,  wenn ihr Fehler findet, aber noch mehr freuen wir uns, wenn euch Themen inspirieren, ihr Spannendes entdeckt oder einfach einen digitalen Wohlfühl-Ort für Euch finden konntet, zu dem ihr gerne kommt.
 
Wir freuen uns, wenn ihr Lust habt unsere Geschichte weiter zu erzählen und mit uns zu wachsen!

In diesem Sinne, alles Liebe und viel Freude.
 
Eva und Martina