predigt einführungsgottesdienst
frauke leonhäuser
am 13.10.2024 in bozen
2. korinther 3, 1-6: ihr seid ein brief christi
Mein lieber Schatz, ohne Dich sind diese langen Tage kaum zu ertragen, aber Dein Bild vor meinem inneren Auge gibt ihnen Sinn und mir inneren Halt…
Sehr geehrte Frau Schmidt, Ihnen wird vorgeworfen auf der Staatstraße 12 zwischen Bozen und Brixen die Höchstgeschwindigkeit um 17 km/h überschritten zu haben…
Hallo Anna, ich hoffe, es geht dir gut und du kannst dich an deinem kleinen Jungen – auch, wenn es manchmal anstrengend ist, jeden Tag freuen.
Liebe Mama, heute an deinem Geburtstag denke ich ganz besonders fest an dich und wünsche dir von Herzen…
Ihr Antrag ist unzulässig.
Lieber Herr Pichler, sie haben mir letzte Woche so geholfen, dafür möchte ich mich noch einmal sehr bedanken…
Hi Eva, ist alles total uncool hier. Kann es kaum aushalten…
Lieber Thomas, sehen wir uns an Weihnachten? Das wäre schön.
Briefanfänge, liebe Gemeinde: persönlich oder formal, emotional oder sachlich. Wann haben Sie den letzten persönlichen Brief geschrieben oder bekommen? Briefe handgeschrieben sind selten geworden. Für die jüngeren unter uns ziemlich aus der Zeit gefallen. Steinzeit, würde eine Jugendliche vielleicht ins Handy tippen und eine augenrollende Emoji dazusetzen.
Dabei kann es so schön sein, einen von Herzen kommenden Brief eines lieben Menschen in den Händen zu halten. Spannend, einen Brief aus dem Briefkasten zu ziehen, die Handschrift zu erkennen und dann den Umschlag neugierig zu öffnen…
In einem handgeschriebenen, persönlichen Brief vermittelt sich nicht nur die geschriebene Botschaft. Der Absender selbst wird lebendig – sein Spirit, sein Geist ist gegenwärtig. Und, wenn es denn ein gut gemeinter Brief ist, es gibt ja auch andere, dann stehen für einen Augenblick, die Sehnsucht des Geliebten, der fürsorgliche Geist der Mutter oder die mitfühlende Freundin im Raum – so, als wären sie tatsächlich anwesend. Und die Buchstabentreue des Ordnungsamtes und die Schikane der Einwohnermeldebehörde auch.
Aufrichtige, aufbauende, persönliche Briefe sind besonders. Der Absender schreibt etwas Echtes, Worte, die von Herzen kommen und ganz speziell für den Adressaten bestimmt sind. Ein solcher Brief bringt zum Ausdruck: Du bist mir wichtig, ich denke an dich, ich mag dich, und ich interessiere mich für dich. Ich nehme Anteil daran, wie es dir geht und erzähle auch von mir. Ich setze mich in dich hinein und will dir etwas Gutes mitgeben.
All das hat auch den Apostel Paulus motiviert, Briefe an die Gemeinden zu schreiben. Gemeinden, die er bereits besucht hatte, und solche, die er noch besuchen möchte.
Mit dem 2. Brief an die Gemeinde in Korinth schreibt er nicht nur einen Brief, sondern er nutzt das Bild des Briefes für seine Botschaft:
„Ihr seid ein Brief Christi“.
Ihr da, in Korinth, die ihr an Jesus Christus glaubt, seid ein Brief Christi.
Ja, sogar ein Empfehlungsschreiben Christi. An euch können die anderen ablesen, wie das ist mit Christus, mit seiner Botschaft der Versöhnung und der Liebe. Ihr macht die Botschaft glaubwürdig oder eben auch unglaubwürdig.
„Ihr seid ein Brief Christi“,
das ist heute uns zugesagt, die wir hier in der Christuskirche in Bozen zusammengekommen sind.
Der Apostel traut und mutet uns viel zu.
Ich merke, das ist ein hoher Anspruch, mit dem eigenen Leben und Handeln ein Empfehlungsschreiben sein zu sollen. Das kann Druck machen. Und wirft die Frage auf, werde ich dem gerecht? Und will ich das überhaupt?
Befreiend ist, ich muss den Brief gar nicht selbst schreiben. Ich brauche nicht zu grübeln und nach den richtigen Worten zu suchen. Da hat einer schon geschrieben und sich etwas Gutes überlegt. Der Text ist fertig, die Nachricht steht. Jetzt kommt es darauf an, das selbst zu entziffern, zu lesen und sichtbar werden zu lassen. Zunächst für mich selbst und dann für die Menschen um mich herum.
Seit unserer Taufe sind wir Briefe Christi und tragen das Zeichen der Taufe an uns.
Kostbare Briefbögen tragen ein Wasserzeichen. Solch ein Wasserzeichen in einem wertvollen Briefbogen bleibt normalerweise unsichtbar. So wie oft nicht auf den ersten Blick zu erkennen ist, dass Gott durch Christus in unser Herz geschrieben hat. Doch wenn wir den wertvollen Briefbogen gegen das Licht halten, gegen die Sonne; dann sehen wir das Wasserzeichen. Das Wasserzeichen, das sagt, woher das Papier stammt, und wer das Papier gemacht hat. Und ein Wasserzeichen kann niemand ändern oder wegradieren.
Wir alle sind keine ungeschriebenen Blätter mehr.
Vieles wurde in unseren Lebensbrief geschrieben: von Eltern, Lehrerinnen, Freundinnen, Verwandten, Chefs und Arbeitskollegen. Manches hat sich schmerzlich eingraviert. Anderes in leuchtender Schönschrift im Herzen festgemacht. Drittes ist ausradiert oder überschrieben worden.
Du und ich, jede und jeder von uns ist ein beschriebenes Blatt.
Und doch sind wir vielmehr, als das, was andere geschrieben haben.
„Ihr seid ein Brief Christi“, geschrieben in euer Herz.
Gott ist der Absender, Christus die Botschaft in dem Brief, der wir selbst sind. Er hat uns die Zeilen in unser Herz geschrieben. Und was steht da?
Du bist geliebt, ich traue dir, ich will dein Herz stärken für das, was vor dir liegt. Du wirst nicht beurteilt nach dem, was du tust oder unterlässt. Du wirst nicht am Gesetz gemessen, sondern mit dem Geist der Liebe angeschaut.
Und wo könnte das besser sichtbar werden als in einer Christuskirche, wie der hier in Bozen. Schaut euch den Christus an in dem Altar Fenster, wie er vom Licht beschienen uns anschaut. Wie aus einer anderen Welt und doch ganz bei uns mit seinen Wunden und mit seinem Licht. Und dann das Relief an der Kanzel, Brandspuren tragend, hinüber gerettet von der alten Kirche in die neue, viele Jahrzehnte überdauernd: und immer noch segnet Jesus die Kinder. Die großen und die kleinen – in jedem Gottesdienst und ganz besonders bei jeder Taufe. Und wir dürfen weiterhin kommen und uns unter seinen Segen stellen. Dürfen Pause machen vom Getriebe der Welt, von den Gesetzen des Marktes, von dem Druck der Arbeitswelt und der Sorge um den Frieden: um uns trösten, stärken und aufrichten zu lassen. Beim Hören auf den Klang der Orgel, im einfachen stillen Dasein, im zu Herzen nehmen eines biblischen Wortes, in der Freude über das Licht, das sich im bunten Glasfenster bricht. Nicht um zu fliehen, sondern um unserer eigentlichen Bestimmung gerecht zu werden:
„Brief Christi zu sein.“
Wenn wir im Lichte Gottes stehen, wenn Gottes Licht uns leuchtet, wenn einer uns im Licht Gottes sieht, dann wird sichtbar: „Wir sind ein Brief Christi“. So werden wir tatsächlich zum Empfehlungsschreiben, das von Christus kommt und auf Christus hinweist.
Gott braucht uns als seine Botschafter, als seine Nachrichtenträger in der Welt. Und dazu schenke er uns seinen Geist.
„Ihr seid ein Brief Christi, geschrieben in eure Herzen. Geschrieben nicht mit Tinte, sondern mit dem Geist des lebendigen Gottes. Amen
Pfarrerin Frauke Leonhäuser